Sonntag, 30.06.2019 – Raceday

Sonntag, 30.06.2019 – Raceday

Soll: Ironman Frankfurt (selbst gesteckte Zeitvorgabe: irgendwas unter 10:25)

Ist: Ironman Frankfurt

Nun war es also so weit. Die Nacht war eindeutig zu kurz und ich war öfter wach, als es mir lieb ist. Das lag zum Teil auch an den hohen Temperaturen in unserem Schlafzimmer.
Den Wecker habe ich mir auf drei Uhr gestellt. Der Plan lautete, Frank um 4:15 Uhr abzuholen, mit ihm nach Frankfurt zu fahren, das Auto irgendwo in der Nähe des Ziels abzustellen und dann mit dem Shuttlebus zum Langener Waldsee zu fahren. Diese Methode hatte sich schon in den Jahren zuvor bewährt und sollte auch dieses Jahr eine stressfreie Anreise bedeuten.
So war es dann eigentlich auch. Zum Frühstück gabs Haferflocken mit Banane und – ganz wichtig – einen Kaffee.
Außerdem versorgte mich meine Schwester – die extra für diesen Tag aus dem hohen Norden angereist war – mit Magnesium, um drohenden Krämpfen vorzubeugen (die erste Portion gabs gestern – und man könnte den Erfolg durchaus als durchschlagend bezeichnen )

Nachdem (hoffentlich) alles in dem Beutel verstaut war – sogar den Neo hatte ich dabei, obwohl die Temperatur des Tümpels schon jenseits der 25° Marke lag – ging es dann los zu Frank und weiter nach Frankfurt.
Dort haben wir ziemlich fix einen Parkplatz gefunden, so dass wir uns auf den Weg zum Bus Shuttle machen konnten.

An der Wechselzone trennten sich dann unsere Wege. Meine Schwester ging Richtung Schwimmstart, wir zu unseren Rädern. So richtig viel gabs da nicht zu erledigen. Reifen aufpumpen, Lenkertrinkflasche montieren und befüllen, Flaschen ans Rad – das wars.
Den Platz meines Rads musste ich mir nicht großartig einprägen, da es in der letzten Reihe direkt beim ersten Baum stand. Das sollte ich eigentlich auch nach dem Schwimmen noch wiederfinden.
Zwischenzeitlich wurde noch die Nachricht verkündet, dass ohne Neo geschwommen wird – eine richtige Neuigkeit war das jedoch nicht.

Beim Schwimmstart entscheiden wir uns für die Startgruppe „Zielzeit 1:00 – 1:10“ und treffen dort auf Felix und Thomas, mit denen wir die Zeit bis zum Start mit quatschen überbrücken.

Schwimmstart

Zunächst schwimmt man ein ganzes Stück Richtung Westen, dann 90 Grad links und dann wieder 90 Grad links Richtung Osten zum „Australian Exit“, also dem kurzen Landgang.
Habe ich das Schwimmen in Hamburg mit dem Rolling Start noch als ganz angenehm empfunden, ist das heute schon eher ein ziemliches Gewusel und Gedrängel. Auf dem Rückweg kommt erschwerend hinzu, dass man gegen die Sonne gucken muss. Orientierung? Absolute Fehlanzeige. Ich erkenne rein gar nichts. Also schwimmt man seinem Vordermann hinterher, der seinem Vordermann hinterher schwimmt, etc.
Hinterher kann man auf den Luftaufnahmen vom HR-Fernsehen gut erkennen, dass alle falsch schwimmen und erst kurz vor der nächsten Boje einen Kurswechsel vollziehen.
Beim Landgang zeigt meine Uhr 1700 Meter an und eine Zeit knapp unter 30 Minuten. Die Zeit ist nicht soo schlecht, nur sollen es bis zum Landgang angeblich nur 1500 Meter sein.
Nach dem Landgang gehts in Südwestliche Richtung weiter. Hier wieder klare Sicht auf die Bojen, da kein Gegenlicht. Erst als wir dort wieder links nach der letzten Boje abbiegen müssen, geht es wieder gegen die Sonne. Bin wieder komplett orientierungslos, so wie meine Mitschwimmer offensichtlich auch. Wir werden erst wieder von Helfern auf Booten mittels Trillerpfeifen auf Kurs gebracht.
Was mir jetzt aber zu schaffen macht, sind Krämpfe in den Zehen, später im rechten Unterschenkel.
Überlege, ob ich am Boot eines Helfers halt machen soll. Das könnte jedoch das Rennende bedeuten und das will ich auch nicht. Krampf rausdrücken funktioniert im Wasser auch nur bedingt – so muss ich versuchen, die restlichen Meter noch irgendwie rum zu kriegen.
Nach 1:13 habe ich es dann geschafft. Absolut nicht die Zeit, die ich mir vorgenommen hatte – dafür zeigt die Uhr 4200 Meter an

Ich glaube zwar nicht, dass ich so zickzack geschwommen bin, wie auf der Aufzeichnung von Strava, aber so ganz grade wars vermutlich auch nicht.

Radfahren

Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, irgendwelche Sachen am Rad zu deponieren. Sowohl Helm, als auch Startnummer und auch die Schuhe waren in meinem Beutel und damit bin ich auch ganz gut klar gekommen.
Das Rad habe ich schnell gefunden und so ging der Wechsel ziemlich zügig. Hab zwar nach zwei Meter schon gleich mein Gel und meine Salztabletten verloren, das aber noch schnell genug gemerkt und wieder aufgesammelt.

Auf dem Rad dann der erste kurze Schockmoment: es werden keine Wattwerte angezeigt.
Ich hoffe, dass es nicht an der Kurbel liegt und arbeite mich durch die Einstellungen des Garmin, wo ich manuell nach der Kurbel suche.
Zum Glück wird sie gleich gefunden und ab da kann ich mit Wattwerten weiterfahren.
Das Radfahren macht richtig Spaß und ich fahre die meiste Zeit mit einer 4 vorne. Nach knappen sieben Kilometern überhole ich sogar Frank. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Bei meiner grottigen Schwimmzeit bin ich eher davon ausgegangen, dass er zehn Minuten Vorsprung hat.
Die Strecke nach Frankfurt ist leicht abschüssig und so kann ich den 40er Schnitt bis dorthin ganz gut halten. Hinterher zeigt die Zeitnahme, dass ich bei km 13,4 einen Schnitt von 40,28 habe und auf den nächsten 18km sogar einen Schnitt von 40,56 km/h habe. Dabei habe ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, irgendwie zu überzocken.
Kurz vor dem Hühnerberg fahre ich auf Felix auf, mit dem ich ab dort eine ganze Zeit lang zusammen fahre. Mal überhole ich ihn, mal er mich.
Das hört erst auf, als mir bei einer Bergabpassage die Kette abfällt und sich zwischen Rahmen und Bremse verkeilt.
Ich muss anhalten und die Kette wieder per Hand auf das Kettenblatt hieven. Meine Hände sind hinterher komplett schwarz. Zum Glück ist das in einer Ortsdurchfahrt passiert, wo zur Abwechslung tatsächlich auch ein paar Menschen standen. Sofort war eine Frau mit Feuchttüchern zur Stelle und ich konnte die schwarze Schlonze abwischen.
Irgendwann habe ich sogar Felix wieder eingeholt und fahre wieder mit ihm zusammen.
Dann gegen Ende der ersten Runde kommen auf einmal die ersten Krämpfe in den Waden.
Das habe ich wirklich noch nie gehabt. Ich kann mich erinnern, dass ich mal vor ewigen Jahren beim Ötztaler Radmarathon beim Aufstieg zum Timmelsjoch kurzzeitig einen Wadenkrampf bekommen habe. Das war aber wirklich das einzige Mal und ist davor und danach nie aufgetreten.

Die Krämpfe haben mich zwar nicht ständig begleitet, sind aber immer mal wieder aufgetreten – vornehmlich rechts.
Ich überlege, womit das zusammenhängen könnte. Ich habe definitiv genug getrunken und seit dem Start auch ausschließlich Iso. Also Mineralien sollten eigentlich nicht fehlen. Bis zum Hühnerberg komme ich noch ganz gut hin, danach muss ich Felix ziehen lassen.
Jetzt kommen die ersten Krämpfe im Oberschenkel dazu.
War ich bis kurz vorher noch sehr zuversichtlich, dass ich das Radfahren in knapp über fünf Stunden beenden würde, sieht die Lage jetzt deutlich düsterer aus. Als ich beim 150km Schild vorbeikomme und es ab hier „nur noch“ 34 Kilometer sind, denke ich noch, dass ich das in knapp über einer Stunde schaffen sollte – also 5:15 Stunden Fahrtzeit gesamt.
Aber mein Tempo nimmt immer mehr ab und als es das zweite Mal in Bad Vilbel den Heartbrake Hill hoch geht, überlege ich schon kurz, vom Rad abzusteigen.
Das wird heute nix mehr. Wenn ich beim Radfahren schon solche Krämpfe habe, wie soll es dann erst beim Laufen werden? Kann ich überhaupt noch laufen? Will ich überhaupt noch laufen?
Ab Bad Vilbel habe ich noch einige Zeit zum Grübeln und ich komme zu folgendem Entschluss: zum einen ist meine Schwester extra wegen mir hierher gekommen. Ich kann sie nicht enttäuschen. Zum anderen ist dies mein elfter Ironman. Ein einziges DNF steht bislang in den Büchern – das war der Elbaman 2013. Eigentlich ein DNF mit Ansage, da ich kurz davor beschlossen hatte, mich in Texas für Hawaii qualifizieren zu wollen und mein Trainer, den ich da seit kurzem hatte, davon abgeraten hatte, eine komplette Langdistanz zu machen.
Na jedenfalls hatte ich bislang „erst“ neun Langdistanzen gefinisht und dies sollte meine zehnte und damit letzte werden. Denn mit Hawaii würde ich jetzt nicht mehr viel zu tun haben.
So rollte ich locker Richtung zweiter Wechselzone.


Meine Frickellösung mit dem Akku hat übrigens gehalten.

Kommen wir also zum abschließenden

Laufen

Der Versuch, im Wechselzelt meine Socken anzuziehen, wird mit wechselseitigen Wadenkrämpfen links und rechts quittiert.
Irgendwann habe ich es dann doch geschafft, in die Socken zu kommen und ich mache mich auf den Weg. Draußen gleich der erste Stand mit Wasser und beim ersten Schluck gucke ich mich fragend um, ob die Dame irgendwo einen Wasserkocher stehen hat.
Das Zeug ist pisswarm.
Also ziehe ich weiter und komme nach wenigen Metern das erste mal an meiner Schwester vorbei, die mir sagt, ich sei eine Minute hinter dem Fünftplatzierten. Diese Info ist mir in dem Moment jedoch ziemlich egal, denn ich leide.
Jetzt sind es nicht die Waden, sondern die Nieren und mein Magen. Dieses Phänomen der Nierenschmerzen hatte ich beim letzten Frankfurter Hitzerennen 2015 ebenfalls, wusste damit aber auch, dass das irgendwann wegging. Meinen Magen würde ich hoffentlich mit Cola in den Griff bekommen und so wurde es dann auch tatsächlich bestätigt.
Aber ich fühle mich echt kacke. Höre noch, wie Menschen meinen Namen rufen, realisiere aber nicht, ob ich diese Menschen kenne, oder ob sie einfach meinen Namen auf meiner Startnummer gelesen haben. Ich kann mich null erinnern.
Nach etwa drei Kilometern höre ich die Zuschauer sagen „da hinten kommt Frodo“. Da klar ist, dass er von einem Motorrad vom HR-Fernsehen begleitet wird, versuche ich ein möglichst entspanntes Gesicht aufzusetzen, um bloß nicht den Anschein zu erwecken, völlig im Arsch zu sein.
Keine Ahnung, ob mir das geglückt ist. Hab die Aufzeichnung noch nicht angesehen.
Ich hangel mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation, trinke dort mindestens drei Becher (Wasser, Iso, Cola) und versuche mich zu kühlen. Die Schwämme mit kaltem Wasser sind eine absolute Wohltat. Bei einigen Stationen gab es Duschen – auch geil. Ich probiere Eis aus, bekomme bei der ersten Station einen riesen Eisbrocken, den ich versuche, unter der Mütze zu deponieren. Sieht garantiert scheiße aus und kurz bevor ich von Sebi Kienle überholt werde (dem auch ein Kameramotorrad voraus fährt), entsorge ich das Ding wieder und stecke es hinten in meinen Triathlonanzug. Das Bild hätte ich nicht von mir im TV sehen wollen.
Schaufel mir jetzt noch öfter Eis in den Anzug, aber außer dass ich einen kalten Hintern davon bekomme, verspüre ich keine Erleichterung.
Lediglich die Schwämme und die Duschen können den Körper kurzzeitig runterkühlen, bevor es zur nächsten Verpflegung geht.
Wie schon in Texas, versuche ich mir die Strecke in 800m Blöcken einzuteilen. Die 20 x 800m im Training waren mental eine Herausforderung, aber ich habe sie geschafft. So sagte ich mir, das hier ist nichts anderes, als ein paar mal öfter 800er zu laufen – also werde ich auch das schaffen.
Als ich meine Schwester das nächste mal treffe, habe ich schon acht Kilometer geschafft – also schon ein fünftel.
Aufgeben ist jetzt keine Option mehr für mich – dann hätte ich mich nicht so weit quälen brauchen.
In meiner AK liege ich beständig auf Platz sechs – also einen Platz hinter einer möglichen Qualifikation.
Nach der Hälfte des Rennens muss ich jedoch ganz dringend auf den Schacht was zur Folge hat, dass ich danach nur noch auf Platz sieben bin.
Etwa eine Runde vor dem Ziel dann die Info von meiner Schwester, dass zwei Starter in meiner AK, die vor mir lagen, aufgegeben haben und ich damit jetzt auf Platz fünf liege. Der hinter mir laufe jedoch deutlich schneller als ich und liege nur 2,5 Minuten hinter mir.
Also verzichte ich jetzt auf ausgiebiges Duschen an den Verpflegungsstellen, trinke zwar noch ausreichend, aber nehme dafür nur noch Schwämme zum Kühlen auf und versuche, mein Tempo konstant zu halten. Konkret sind das Zeiten um die 5:30 bis 5:45 min/km.
Die letzten beiden Verpflegungsstationen lasse ich ausfallen und eigentlich laufe ich auch den Zielkanal viel zu schnell hoch, so dass ich die Stimmung hier gar nicht richtig genießen kann.
Schade eigentlich, denn für den fünften Platz hat es mit 10:55:46 und knapp zwei Minuten Vorsprung noch gereicht.
An dieser Stelle wusste ich davon jedoch noch nicht…. aber dazu später.

Im Ziel kümmert man sich wirklich rührig um einen. Zum einen kam gleich jemand mit kalten Schwämmen und – wäre ich nicht schon verheiratet und hätte es sich nicht um einen Mann gehandelt – ich hätte dieser Person vor Glück darüber auf der Stelle einen Heiratsantrag gemacht.
Zum anderen stand mir ein Begleiter zur Seite, der mich ins Athletencamp brachte und aufpasste, dass ich ansprechbar bleibe und nicht umkippe. Nachdem er aber festgestellt hat, dass bei mir wohl keine Gefahr besteht, hat er mich allein gelassen.
Ich habe mich dann erstmal in einem kalten Pool niedergelassen und bin dort eine Weile hocken geblieben, bevor ich mich auf die Suche nach einer Ergebnisliste gemacht habe.
Die habe ich zwar gefunden, sie zeigte jedoch noch keinen einzigen Finisher meiner AK.
Also bin ich duschen gegangen und habe mich dann auf die Suche nach meiner Schwester gemacht.
Sie hat mir dann bestätigt, dass ich tatsächlich den fünften Platz in der AK belegt habe.

Aber reicht das?

Im letzten Jahr gab es fünf Qualiplätze in meiner AK, im vorletzten Jahr aber nur vier Plätze. Was ist, wenn es dieses Jahr wieder nur vier gibt? Dann müsste ich darauf hoffen, dass vor mir einer verzichtet.
Morgen würde ich mehr wissen…

Meine Schwester sagte mir noch, dass Franks Ankunft für ca. 20 Uhr prognostiziert sei und wir von daher viel Zeit hätten, als er mir auf einmal fertig geduscht entgegen kommt.
Nach der Hälfte der Laufstrecke hatte er keine Lust mehr und hat stattdessen lieber aufgegeben.
Wir beschließen spontan, jetzt erstmal an den Bierwagen zu gehen und uns ein Hefe hell reinzukippen – mit Alkohol natürlich.

Ein versöhnliches Ende eines sehr sehr anstrengenden Tages.

Ich glaube, ich hatte in der Vergangenheit schon mal vom härtesten Wettkampftag ever geschrieben. Dieser hier war in doppelter Hinsicht herausfordernd: zum einen wegen der Krämpfe, zum anderen wegen der Hitze.
Ich frage mich, was ich so grundverkehrt gemacht habe, dass ich solche Krämpfe kriegen konnte.

Und hätte meine Schwester nicht an der Strecke gestanden, diese ganzen Strapazen bei der Hitze auf sich genommen und mir ständig Mut zugesprochen, wäre ich deutlich schneller im Ziel gewesen – allerdings ohne 42km zu laufen.

Danke.

Ein Gedanke zu „Sonntag, 30.06.2019 – Raceday

  1. hi bro, du bist der größte! gemessen an dem was ihr da geleistet habt war das stehen an der strecke keine „strapaze“ sondern der reine urlaub!
    wie heisst es so treffend: schmerz geht vorbei, ruhm bleibt für immer! das war echt inspirierend.

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